Hat KI Ihre Arbeitsweisen bereits grundlegend verändert? Wo sind Sie vorsichtig?
Wir haben inzwischen einige Jahre praktische Erfahrung gesammelt und möchten unsere aktuelle Perspektive als Momentaufnahme teilen. Die Entwicklung verläuft so schnell, dass manches, was heute ein reales Problem ist, in einem Jahr obsolet oder technisch gelöst sein kann. Oder auch schon heute, ohne dass wir dies mitbekommen haben.
Uns interessiert deshalb besonders der Austausch mit anderen Unternehmen: Was funktioniert bei Ihnen? Welche Regeln haben Sie eingeführt? Wo sind Sie vorsichtiger oder mutiger als wir?
Außerdem möchten wir die Gelegenheit nutzen, als Unternehmen zum Thema Künstliche Intelligenz Stellung zu beziehen.
Unsere Perspektive auf KI
Stellvertretend für den tiefgreifenden Wandel durch KI steht für uns der Aha-Moment einer Kollegin aus unserem Marketing-Team: Nach gerade einmal zwei Jahren Karenz kam sie zurück und fand sich in einer Arbeitsrealität wieder, die sich in dieser Zeit grundlegend verändert hatte.
Viele Aufgaben waren noch dieselben, nur die Arbeitsweisen nicht. Recherche, Übersetzungen, Textarbeit, Bildbearbeitung, Videos, Präsentationen oder Datenaufbereitung ließen sich mit Möglichkeiten erledigen, die vorher erheblichen Zeitaufwand, Dienstleister oder spezielles Fachwissen erfordert hätten.
Eine tiefgreifendere Veränderung des Arbeitsalltags haben wir zuletzt mit dem Aufkommen des Internets und den Suchmaschinen erlebt. Googeln war irgendwann kein eigenes Werkzeug mehr, sondern schlicht Teil der Arbeit. Bei KI passiert gerade etwas Ähnliches.
Innerhalb unseres Unternehmens fällt allerdings auf, wie unterschiedlich KI je nach Arbeitsbereich beurteilt und eingesetzt wird.
KI als Werkzeug
Ein Schraubenzieher eignet sich gut für Schrauben und schlecht für Nägel. Beim Hammer ist es umgekehrt. Eine Nagelpistole eignet sich auch bestens als Waffe. Eine Bewertung eines Werkzeugs lässt sich nie unabhängig von Kontext und Ziel vornehmen.
Das Werkzeug „KI“ ist außergewöhnlich vielseitig und entwickelt sich sehr schnell weiter. Eine pauschale Einordnung hilft wenig, weder totaler Opportunismus noch Ablehnung werden dem Gegenstand gerecht. Entscheidend ist, welches System in welcher Form für welche Aufgabe eingesetzt wird und wie die Verhältnismäßigkeiten von Aufwand/Nutzen und Risiken einzuschätzen sind.
Zudem sind mittel- und langfristige Faktoren zu berücksichtigen, die auch politische und soziale Themen berühren. Insbesondere: Wie stark machen wir uns von einer externen Infrastruktur abhängig, über die wir nicht bestimmen können? Doch es sei auch erinnert an Banken, Infrastruktur und Verkehr, Dienstleister, ISPs…
KI im Bereich Technik und Entwicklung
pro aqua entwickelt und produziert technische Systeme für die Wasserbehandlung. Entsprechend wichtig sind bei uns Entwicklung, Produktion und Qualitätsmanagement auf höchstem Niveau bzw. mit höchsten Ansprüchen. Die Kolleg:innen aus Forschung, Entwicklung und Produktion sind Ingenieur:innen mit Leib und Seele.
Dort wird generative KI deutlich kritischer gesehen und vorsichtiger eingesetzt als in Marketing, Vertrieb oder Management. In vielen technischen Bereichen ist es fatal, wenn eine Antwort nur mit hoher Wahrscheinlichkeit richtig ist. Ein falscher Prozessparameter, eine falsche technische Codezeile oder Aussage zu Sicherheit, Materialverträglichkeit oder regulatorischen Anforderungen kann eine ganze Kette an Problemen auslösen. Deshalb verwenden wir KI dort sehr viel defensiver.
Ein riesiges Problem: Vertrauen und Vertraulichkeit
Zu den funktionalen Schwächen von KI kommt ein grundsätzliches Vertrauensproblem. Die großen KI-Modelle konnten nur entstehen, weil enorme Mengen an Informationen aus dem Internet ihr Training verarbeitet wurden, ungeachtet aller Urheberrechte. Autoren, Verlage, Medienunternehmen und andere Rechteinhaber führen umfangreiche Verfahren gegen alle großen KI-Anbieter.
Entwicklungsdaten, technische Details, interne Dokumente und Kundendaten sind der Kern unseres Kapitals. Es erscheint also hochgradig fahrlässig, ebendiesen Anbietern vertrauensvoll unsere existenziellen Unternehmensgeheimnisse anzuvertrauen.
Reine Compliance genügt uns dabei nicht und Versprechungen können wir nicht trauen. Es kam bereits bei den meisten großen KI-Anbietern zu Vorfällen, die – angesichts der Vorgeschichte wenig überraschend – auf hochgradig unzuverlässigen Umgang mit Sicherheitsthemen hindeuten.
Vertrauliche Entwicklungs- und Unternehmensinformationen sind für unsere KI-Systeme also genauso tabu wie Kundendaten und solche aus dem QM-System. In der Forschung, Entwicklung, im Kund:innen- und Qualitätsmanagement begrenzt das den praktischen Einsatz von KI derzeit ganz erheblich.
KI im Bereich Kommunikation
Im Marketing sieht die Situation fundamental anders aus. Ein großer Teil der Informationen, mit denen wir dort arbeiten, ist ohnehin zur Veröffentlichung bestimmt oder wesentlich weniger sensibel. Auch Fehler haben weniger kritische Konsequenzen. Kommunikation ist in diesem Sinne weniger „scharf“ als Technik. Sprachliche Ungenauigkeiten lösen normalerweise keine Fehlerkaskade aus.
Gleichzeitig überschneiden sich viele Kern-Fähigkeiten generativer KI mit zentralen Aufgaben professioneller Kommunikation. Informationen müssen recherchiert, geordnet, verdichtet, übersetzt, visualisiert und für einen bestimmten Empfänger verständlich und überzeugend/glaubhaft aufbereitet werden. Für unser kleines KMU-Marketingteam bedeutet das einen enormen Produktivitäts- und Autonomiegewinn.
Arbeiten, für die wir früher eine Agentur benötigt hätten, können wir heute selbst erledigen. Bilder, Audio, Videos, Texte, Übersetzungen und Layouts entstehen alle intern. Aufgaben, für die früher mehrere Tage notwendig waren, lassen sich an einem Nachmittag bearbeiten.
Dabei ist bemerkenswert, dass nicht nur die Quantität zugenommen hat. Auch die Qualität vieler Ergebnisse hat sich verbessert, weil wir mehr Varianten ausprobieren, schneller korrigieren und Spezialwissen wesentlich einfacher erschließen können. Im Marketing und Vertrieb haben wir KI deshalb früh und intensiv eingesetzt. Inzwischen verlangt im Marketing das professionelle Gebot zum effizienten Einsatz der verfügbaren Mittel den Einsatz von KI. Alles andere wäre nicht mehr vertretbar.
Die Fragen von Qualität und Originalität
Bei intensiver Nutzung kommen zwangsläufig viele Fragen auf: Verändert KI die Qualität unserer Inhalte? Wie originell sind KI-unterstützte Texte? Wie wichtig ist noch unser persönlicher Beitrag für unsere Inhalte? Wie wirken KI-generierte Inhalte auf unsere Zielgruppen?
Ein Teil dieser Diskussion berührt intensiv unser menschliches Selbstverständnis. Der Philosoph Rüdiger Safranski spricht in seinem 2026 erschienenen Essay Die Vierte Kränkung von KI als neuer Kränkung des Menschen. Nach Kopernikus, Darwin und Freud werde nun eine weitere vermeintliche Sonderstellung angegriffen: die Vorstellung, geistige Leistung sei exklusiv menschliches Terrain.
Wir stimmen dem zu. KI ängstigt uns ähnlich wie die erste Betrachtung einer Fotografie die amerikanischen Ureinwohner verunsichert haben soll oder die Menschen beim Anblick der ersten Filmaufnahme einer einfahrenden Dampflokomotive schreiend aus dem Vorführraum gelaufen sein sollen.
Eine 2024 in Scientific Reports veröffentlichte Studie ließ Versuchspersonen Gedichte bekannter menschlicher Autoren und KI-generierte Gedichte bewerten. Die Teilnehmer konnten deren Herkunft nicht erkennen. Die KI-generierten Gedichte wurden bei zahlreichen Qualitätsmerkmalen besser bewertet. Gleichzeitig fiel die Bewertung dann schlechter aus, wenn Teilnehmer glaubten, ein Gedicht stamme von einer KI – unabhängig davon, wer es tatsächlich geschrieben hatte. Dies zeigt, wie stark KI-generiert Inhalte mit einem Bias beurteilt werden. Aber wir sind realistisch: Es handelt sich höchstwahrscheinlich um einen vorübergehenden Übergangs- und Anpassungseffekt.
Von Zauber, Täuschung und Betrug
Im Marketing leben wir gelassen mit der Gewissheit, dass nahezu alle Inhalte in Massenmedien nicht „echt“ sind. Portraits in Magazinen sind Photoshop-bearbeitet, Fotos auf Unternehmens-Seiten stammen nicht aus dem Unternehmen, sondern von istock. Fast jede Musik durchlief diverse Audio-Filter. Und so weiter. Medien sind sehr häufig Illusionen. Nicht umsonst kamen in der Frühzeit des Films die wichtigen Pioniere der Tricktechnik aus der Zauberei und Bühnenillusion.
Das durch KI entstandene Problem liegt nun darin, dass hochqualitative Illusionen so kostengünstig geworden sind, dass ihre Produktion kein Privileg von Agenturen oder Vollprofis mehr ist, sondern dass praktisch allen diese Werkzeuge zur Verfügung stehen und Illusionen allgegenwärtig und nicht mehr ignorierbar wurden.
KI ermöglicht heute die Herstellung von Inhalten, die überzeugend etwas darstellen können, das nie stattgefunden hat. Ein realistisches Foto kann ein erfundenes Ereignis zeigen. Ein Video kann einer realen Person Aussagen zuschreiben, die sie nie gemacht hat. Stimmen können künstlich erzeugt und Nachrichten automatisiert so formuliert werden, dass beim Empfänger ein falscher Eindruck über den tatsächlichen Absender entsteht. Im schlimmsten Fall kommunizieren wir stundenlang unwissend mit vermeintlichen Menschen per Chat, Telefon, oder sogar Video.
Solche Anwendungen berühren für uns eine wesentlich wichtigere ethische Frage als die bloße Beteiligung von KI an einem Arbeitsprozess: die bewusste Täuschung über die Realität.
Transparenz ist das Gebot der Stunde
Der ethische Unterschied zwischen Illusion und Betrug liegt darin, ob das Publikum über die Realität des Dargestellten getäuscht wird. Ein Zauberkünstler verrät seine Tricks nicht – aber niemand hält die Illusion für Realität. Für KI gilt aus unserer Sicht dasselbe Prinzip. Deshalb halten wir Transparenzregeln grundsätzlich für sinnvoll.
Seit 2. August 2026 gelten die Transparenzvorgaben aus Artikel 50 des EU AI Act. Dabei besteht keine pauschale Pflicht, jeden Inhalt zu kennzeichnen, an dem KI beteiligt war. Bei Texten sieht die Regelung beispielsweise eine Ausnahme vor, wenn eine substanzielle menschliche Prüfung erfolgt und jemand die redaktionelle Verantwortung übernimmt.
Überhaupt erscheint uns eine Differenzierung sinnvoll, weil die Grenze zwischen menschlicher und maschineller Unterstützung im Arbeitsalltag zunehmend unscharf ist. Rechtschreibkorrektur, automatische Übersetzung, Bildbearbeitung, Recherchewerkzeuge, Stockmaterial, Textvorschläge und generative KI greifen heute an vielen Stellen ineinander.
KI-Einsatz- und Verhaltensregeln bei pro aqua
Für uns sind deshalb vor allem drei Punkte relevant: Kontrolle des Ergebnisses, Verantwortung für die Veröffentlichung und Transparenz, wo ein künstlicher Inhalt mit der Realität verwechselt werden kann.
- Bei uns wird kein Inhalt vollautomatisch aus einem KI-System veröffentlicht.
- Inhalten werden immer von Mitarbeitern überarbeitet und geprüft. Bei fachlichen Aussagen werden die zugrundeliegenden Quellen abgeglichen. Die Urheber aller Inhalte sind immer Menschen.
- Bei Bildern, Audio oder Videos ziehen wir eine Grenze: Wenn KI-generierte oder manipulierte Inhalte so verstanden werden könnten, als würden sie eine reale Person oder ein reales Ereignis zeigen, muss ihre künstliche Herkunft erkennbar sein.
- Bei Veröffentlichungen sind immer mehrere Personen Ob ein Entwurf von einem Mitarbeiter, Praktikanten, einer KI, oder einem außergewöhnlich sprachbegabten Wiesel erstellt wurde: veröffentlicht wird ein Produkt unseres Teams.
So sieht unser derzeitiger Umgang mit KI aus. Er wird sich mit den technischen Möglichkeiten vermutlich weiter verändern. Uns interessiert deshalb besonders die Erfahrung anderer Unternehmen: Wo ziehen Sie diese Grenzen? Was funktioniert bereits gut? Welche Anwendungen haben Sie wieder verworfen? Und welche Regeln, die heute sinnvoll erscheinen, werden wir vermutlich in zwei Jahren kopfschüttelnd lesen?
Quellen
Safranski, R. (2026): Die Vierte Kränkung. Menschlicher Geist im Schatten der Künstlichen Intelligenz. Hanser.
Porter, B. & Machery, E. (2024): AI-generated poetry is indistinguishable from human-written poetry and is rated more favorably. Scientific Reports, 14, 26133. AI-generated poetry is indistinguishable from human-written poetry and is rated more favorably